mein-seelenmord

Die Heilung

Eine ganze Zeit lang habe ich geglaubt, dass ich alles wieder so schnell vergessen kann, wie ich mich erinnerte. Aber dem ist nicht so. Vergessen werde ich niemals können und ich habe auch nie vergessen. Ich habe es einfach nur sehr gut verdrängt. Ich konnte mich nicht erinnern. Über 25 Jahre konnte ich mich nicht erinnern. Und dann auf einmal kamen sie. Die Erinnerungen. Jeden Tag etwas mehr, jede Stunde etwas mehr, jede Minute etwas mehr und manchmal auch jede Sekunde mehr. Zur Zeit kommen zum Glück nur sehr sehr selten Erinnerungen. Diese Erinnerungen kann ich aber nicht einordnen. Ich weiß, da ist mehr passiert. Aber ich weiß nicht was, ich weiß nicht wo ich bin und vor allem weiß ich nicht, wer da noch bei mir ist. Aber ich weiß, dass es schreckliche Erinnerungen sind. Dass es der sexuelle Missbrauch in meiner Kindheit ist. Lange habe ich gedacht, irgendwann hören die Erinnerungen auf. Aber sie hören nicht auf. Sie kommen. Immer und immer wieder.

Irgendwann dann fing ich an, alles aufzuschreiben. So für mich dachte ich, dass ich darüber ein Buch schreibe, hatte aber nie den realen Gedanken daran, dieses Buch zu veröffentlichen.

Als mein Meister mir auf Arbeit ( mit ihm konnte ich zum Glück sehr gut reden) sagte, dass viele Frauen ihre Vergangenheit aufschreiben und dies auch veröffentlichen, fing ich an, einen Verlag zu suchen. Und dann nach einigen Anschreiben an verschiedenen Verlagen, fand ich auch einen. Als ich die Zusage hatte, hatte ich wieder ein Stück mehr das Gefühl von Stärke und aus der Opferrolle herauszukommen. Schon bevor ich überhaupt nur einen einzigen Verlag anschrieb, merkte ich, dass mir das Schreiben sehr hilft. Immer dann, wenn es mir schlecht ging, immer dann fing ich an zu schreiben. Immer dann, wenn ich mich wieder mehr an etwas erinnerte.

Nach einem heftigem Streit zischen Verlag und Autoren, schloss der Verlag von heute auf morgen seine Türen. Aber ich gab nicht auf und ging auf erneuter Suche, welche auch nicht lange andauerte und mein Buch so doch Veröffentlicht wurde. Dies war wieder ein Schritt mehr in Richtung Heilung. Aber nicht nur das Schreiben hilft mir. Eine Zeitlang hatte ich ein Ritual.

( Das sind jetzt einige Passagen aus meinem Buch) Also es ist schon länger her, aber hat mir ein bisschen geholfen, meine Vergangenheit aufzuarbeiten.

Von I ( einer Freundin von mir) bekam ich gestern ein Foto von meinem Vater. Sie hat es aus dem Internet. Sie hat ein bisschen im Internet gestöbert. Sie gab den Namen seiner Stadt ein, seinen Namen  und dann hatte sie ihn auch schon. Vor ein paar Wochen schon sagte sie es mir. Gestern dann gab sie mir das Foto. Mit I ging ich dann in die Bücherei, um es zu kopieren. Ich wollte sein Foto öfter haben. Ich wollte es an einem Baum oder sonst wo anheften und mit Steinen, Pfeilen, mit meinem Fuß, mit einem Fußball oder sonst etwas dagegen treten, dagegen werfen. Ich wollte meinen ganzen Zorn auf ihn richten. Ich wollte ihn auf dem Foto leiden sehen. Meine Wut und den Schmerz an ihm auslassen. Ich kopierte es sehr oft. Gestern schon habe ich ein paar Fotos auf ein Stück Papier geklebt und meine Wut daraus ausgelassen. Und es tat einfach gut. Es tat so gut. Es ist besser die Wut auf das Bild von so einem Arschloch zu lassen als an meinem Arm mit einer Schere. Heute aber machte ich noch etwas ganz anderes mit dem Bild. Wie schon gesagt, wollte ich mich irgendwie mitteilen. Ich wollte meinen Schmerz in die Welt heraus schreien. Ich wollte meine Schmerzen und meine Wut los werden. Vor allem aber, wollte ich das unerträgliche Schweigen los werden. Und dann auf einmal, während ich mich mit dem Buch „Trotz allem“ beschäftigte, kam mir die Idee. 

Ich nahm mir mein Schreibblock, einen Kugelschreiber und setzte mich in die Küche. Dann schrieb ich zuerst das heutige Datum auf. Ganz groß. Ganz groß schrieb ich

30.11.2006. Dann fing ich an zu schreiben. Ich schrieb, dass ich das Schweigen brechen muss, dass er ein Teilgeständnis ablegte, dass ich jetzt die Bestätigung habe, dass es wirklich passierte, dass nun die ganze Familie Bescheid weiß, dass es war, als ich 6 Jahre alt war. 4 Monate und 1 Tag vor meinem siebten Geburtstag. Dass es das erste mal war, als ich noch im Kindergarten ging.

Ich schrieb und schrieb. Ich schrieb nicht rein, was genau passiert ist. Ich erwähnte nicht, dass ich ein Inzest-Opfer bin. Aber ich umschrieb es. So dass jeder genau weiß, was passiert ist. Ohne dass ich es auch nur in irgendeiner Weise genauer beschrieben habe. So, als hätte ich das aller erste mal darüber geschrieben. So, als hätte ich nie zuvor etwas gesagt. Ich schrieb es so, als hätte ich erst jetzt das Schweigen gebrochen. Es tat so gut, es auf zu schreiben. Als ich fertig war, schob ich den Brief in einer Klarsichthülle, diese Klebte ich an der Öffnung noch mal mit Tesafilm zu. Und das kam dann in einer großen, leeren Flasche. Diese klebte ich dann auch noch mal am Schraubverschluss richtig zu. Auf die Flasche klebte ich dann noch mal einen Zettel, den ich auch noch mal ordentlich mit Tesafilm überklebte, auf dem Stand: Anders halte ich es nicht mehr aus!! Dann nahm ich mir ein Foto von meinem Vater. Die fertige Flasche und das Foto packte ich in einem Stoffbeutel. Dann zog ich mir meine Jacke und meine Schuhe an und ging zur Bushaltestelle. Dort wartet ich auf dem Bus und fuhr zum Twedter Plack. Von dort aus fuhr ich dann mit der 2 weiter zum Lachsbach. Am Lachsbach ging ich erst durch den Wald und dann kam ich an einem Strand an. Dort ging ich zu einem Steg und dann vollbrachte ich meine Idee.

Ich nahm die Flasche aus dem Stoffbeutel und warf sie, so weit ich konnte ins Wasser. Ich wollte, dass meine Vergangenheit genauso leicht zu ertragen war, wie das Wasser die Flasche tragen kann. Ich will, dass das Schweigen endlich gebrochen wird. Es war so leicht, die Flasche ins Wasser zu werfen. Ich habe gar nicht mehr nachgedacht. Ich habe einfach nur geworfen. Einfach nur weg damit. Dann nahm ich das Foto aus der Stofftasche. Ich wollte es verbrennen. Ich wollte sehen, wie ER unter den Flammen zu Grunde geht. Da der Wind gerade so schlecht stand, drehte ich mich mit dem Rücken zum Wasser und versuchte das Foto zu verbrennen. Das Foto brannte immer mal wieder kurz auf und dann schmor es einfach nur. Es war so gut, ihn einfach nur schmoren zu sehen. Als ich mich kurz dem Wasser zuwenden wollte, das Foto war noch nicht verbrannt, sah ich die Flasche nicht mehr. Sie war irgendwo, aber ich weiß nicht wo. Und es war gut. Ich hatte das Gefühl, ich bin ein klitze kleines Teil von damals losgeworden. Ich hatte wirklich das Gefühl, nun endlich das Schweigen gebrochen zu haben und weiterhin brechen zu können. Ich drehte mich wieder mit dem Rücken zum Wasser und versuchte das Bild weiter zu verbrennen. Dann auf einmal sah ich die Flasche wieder. Aber sie schwamm weit von mir weg. Immer weiter von mir. Es war so unendlich gut. Und dann auf einmal brannte auch das Bild. Ich sah zu, wie sein Gesicht von den Flammen verschlungen wurde. Als ich nichts mehr von seinem Gesicht sah, schmiss ich den Rest einfach ins Wasser, damit die Flamme wieder erlosch. Aber erst, als sein Gesicht komplett abgebrannt war. Danach ging ich wieder zurück zur Bushaltestelle. Zur Flasche drehte ich mich nicht mehr um. Das wollte ich nicht mehr. Ich wollte nicht sehen, wo die Flasche ist. Aber, die Flasche und das verbrannte Gesicht von meinem Vater waren in unterschiedlichen Richtungen, so dass er mir das Schweigen nicht mehr verbieten kann. Jetzt bin ich bereit, an meiner Heilung zu arbeiten. Das war ganz sicher nicht meine Letzte Flaschenpost, die ich schrieb.

Geholfen hat mir aber auch noch das Reden. Das Reden mit meiner Familie ( mit denen ich heute noch Kontakt habe) , das Reden mit meiner Freundin, das Reden in der Selbsthilfegruppe. Die Anzeige hat mir auch sehr geholfen. Die Gespräche, die ich beim Frauennotruf hatte, auch die waren mir sehr hilfreich.

Jeder heilt anderes und jeder verarbeitet Traumatische Erlebnisse anders. Ich kann hier nur sagen, wie es bei mir ist, was mir geholfen hat.

Manchmal nehme ich mir ein Kindermalbuch und male es an. Die Pädagogin vom Frauennotruf sagte mir, dass sich mein Unterbewusstsein nur an das schreckliche von damals erinnert. Das Unterbewusstsein, was das innere Kind ist. Das innere Kind fühlt jetzt. Jetzt wo es fühlen darf. Damals durfte ich nicht fühlen. Weder Schmerzen, noch Ekel oder sonst irgendwelche Gefühle. Diese Gefühle, fühle ich erst heute. Heute, als erwachsene Frau. Mein inneres Kind darf heute erst fühlen. Und mein inneres Kind fühlt Scham, Schmerz, Ekel, Wut, Hass und noch einiges anderes. Das was mein inneres Kind aber nicht fühlt ist: Freude, Geborgenheit, Glück. Wenn ich mich aber mit einem Malbuch hinsetze und wie ein kleines Kind male, freut sich mein inneres Kind. Ich schenke meinem inneren Kind Aufmerksamkeit, in dem ich mich hinsetze und male. Manchmal höre ich mir auch Kinderkassetten an. All dies hat mir die Pädagogin gesagt, soll ich mal versuchen. Und ich habe es versucht. Im Innern, dort wo in den letzten Monaten immer nur schmerzen, Ekel, Angst, Hass, Scham und der gleichen fühlte, fühlte ich auf einmal Freude und Zufriedenheit. Ich kann jedem Opfer nur raten so etwas mal auszuprobieren. Falls ihr euch dafür schämt, braucht ihr es nicht. Denn wir ihr euch deshalb schämt, seid nicht ihr es, sondern es ist eurer inneres Kind, was immer noch Scham spürt. Versucht es die ersten male, wenn ihr alleine zu Hause seid. Ihr werdet sehen, dass es euch um einiges besser geht.






EINIGE MONATE SPÄTER:

Was mir jetzt zur Zeit auch sehr gut tut, ist der Kontakt zu weiteren Opfern. Ich habe schon viele Mails aufgrund meiner HP bekommen und in eines gleichen sich so gut wie alle Mails.

Und das sind die Gefühle. Wie man damit umgegangen ist und noch immer umgeht. Dass man Alpträume hat, dass man Männer nur noch als Monster sieht, dass man Suizidgedanken hat, dass man sich schneidet und vieles mehr.

Habt den Mut und schreibt mir. Das ist schon mal der erste Schritt zur Verarbeitung. Man schweigt nicht mehr. Und dass ist das allerwichtigste. Dass man redet. Über den Missbrauch. Dass man nicht mehr schweigt. Und wenn ihr mir nicht schreiben mögt ( aus welchen Gründen auch immer) dann geht auf meiner Linkseite. Dort stehen mehrere Links, die sich mit genau dem Thema beschäftigen. Es sind Intuitionen, die Opfern helfen. Habt den Mut und redet. Es tut weh zu reden. Aber es wird irgendwann immer leichter. Es wird nie so leicht sein, als wenn man über das Wetter redet und man wird sicherlich bei jedem Gespräch weinen, aber es tut gut. Und weinen ist ok. Die Schmerzen die mit den Tränen aus einem raus kommen werden irgendwann weniger. Ich selbst bin noch immer in der „ich muss mehr reden Phase“aber ich weiß, dass es hilfreich ist. Auch wenn ich nicht immer darüber reden kann. Aber es hilft. Und wenn es mir hilft, dann hilft es auch DIR!!!!


Toner
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